Samstag, 12. September 2009

Wie geht es Dir?

Diese kleine Frage, ganz alltäglich gestellt und meistens mit einem gut oder ganz gut, oder naja es geht mir schon gut, beantwortet, ist bei Menschen, die Trauern eine große Herausforderung.

Es macht den Anschein, als sei wieder alles in Ordnung. Freunde und Verwandte denken es geht dem Menschen, der trauert, wieder gut. Wir sind es inzwischen so gewöhnt, dass Themen nach kurzer Zeit wieder out sind. Eine Nachricht in den Medien, sei sie auch noch so schrecklich, ist nach spätestens vier Wochen wieder verschwunden. Wir leben in einer sehr schnellen Zeit. Die Ereignisse wechseln sich schnell ab, wir sind einfach daran gewöhnt, zum nächsten Thema oder zur Tagesordnung überzugehen. Doch Trauer wird in einem sehr langsamen Prozess verarbeitet. Dennoch passen sich die meisten Menschen nach kurzer Zeit den Erwartungen unserer schnelllebigen Zeit an, man spricht nicht mehr darüber, die Menschen in der Umgebung fragen nicht mehr „wie geht es Dir?“ weil sie befürchten die selbe Antwort zu bekommen wie 365 Tage vorher: Schlecht, ich bin traurig. Die Menschen, die aber dennoch traurig sind, fallen in eine Einsamkeit. Es ist zu hoffen, dass ein paar Freunde es aushalten, mit einem traurigen Menschen über sehr lange Zeit, befreundet sein zu können.

Samstag, 22. August 2009

Ein Jahr danach

Auch unsere Trauer hat ihren ganz eigenen Rhythmus. Die Trauer um einen geliebten Menschen verschwindet nie ganz, aber sie ändert ihre Gestalt. Nach Kübler-Ross sind es vier Phasen, in denen die Veränderung der Trauer sichtbar wird: 1. Nicht-wahr-haben-wollen 2. Aufbrechen chaotischer Emotionen 3. Suchen, Sich-finden und Sich-trennen 4. Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs. Ich will an dieser Stelle gar nicht die einzelnen Phasen erläutern, und jeder Mensch verarbeitet seine Trauer ganz individuell, aber es scheint bei vielen Menschen so zu sein, dass nach ungefähr einem Jahr die dritte Phase anbricht. In der ersten Zeit, nachdem ein geliebter Mensch von uns gegangen ist, sind unzählige Aufgaben zu bewältigen. Besonders wenn ein Ehepartner verstorben ist, dann muss die Erbschaft geregelt, das Haus oder die Wohnung neu eingerichtet werden. Kinder betreut und auch oft müssen Tiere alleine versorgt werden, die sonst zwei Bezugspersonen hatten. Nach einem Jahr hat sich das Leben mit all seinen Veränderungen meist wieder eingespielt, zumindest auf einer organisatorischen Ebene. Es ist eine Zeit, in der realisiert wird, dass der Partner wirklich nicht mehr da ist, eine Zeit, um zur inneren Ruhe zu finden. Manche Menschen gehen auf eine Reise, im wörtlichen Sinn, sie fahren in eine unbekannte Gegend, um sich selbst wieder neu zu erfahren. Ich möchte diese Menschen darin unterstützen, doch ich möchte Ihnen auch raten, planen Sie Ihre Reise so, dass Sie entweder eine Gruppenreise machen oder immer wieder auf dem Weg Menschen treffen, die Sie kennen und die Ihnen wichtig sind. Frauen haben auch die Möglichkeit in eins der vielen Frauenferienhäuser, die es mittlerweile auf der ganzen Welt gibt, zu fahren. Dort ist man sowohl alleine wie auch in einer sehr netten Gemeinschaft aufgehoben. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.

Montag, 3. August 2009

Treuerarbeit

Ich komme gerade zurück von einer Wanderwoche, bei der ich die Reiseleitung habe. In den letzten Jahren nahmen auch immer wieder Frauen daran teil, die vor kurzem Ihren Lebenspartner verloren haben. Die Bewegung an der frischen Luft, besonders das Wandern, erleben die Frauen als sehr heilsam. Das Wandern ist eine recht langsame Fortbewegungsart, Schritt für Schritt schreitet man voran, hat Zeit die Natur zu betrachten, sich mal eine Pause zu gönnen und vor allem die Gedanken fließen zu lassen. Die leichte Anstrengung beim Wandern, wenn es auch mal Bergauf geht, beschäftigt den Körper, die Konzentration ist ganz auf die Füße gerichtet, so dass die Gedanken fließen können. Es ist wie eine Meditation, bei der Erinnerungen hochkommen, die aber nicht im Gespräch verarbeitet werden müssen. Die Erinnerungen an den geliebten Menschen, mit dem man vielleicht auch wandern ging, gehören einem ganz alleine. Es ist ein Innehalten in der Zeit, im Alltag, so dass in aller Ruhe ein Zwiegeschspräch mit dem Menschen, der bereits gegangen ist, möglich wird. Abends tritt eine wohlige Müdigkeit ein, und es folgt ein sehr erholsamer Schlaf. Übrigens die Reise findet einmal im Jahr am Tegernsee statt (31.7.-7.8 2010) und ist bei Frauen unterwegs (Berlin) zu buchen.

Donnerstag, 2. Juli 2009

moonwalk

Die ganze Welt trauert um Michael Jackson. Natürlich habe auch in den achtziger Jahren zu seiner Musik getanzt. Ich bin nicht der ganz große Musikfan, so habe ich sein Leben eher am Rande verfolgt. Dennoch er war ein großartiger Popstar. Wenn ich mir jetzt die Videos im Internet anschaue, dann fällt mir doch besonders auf, dass er auf der Bühne mit seinem ganz besonderen Tanzstil ein bisschen wie Charlie Chaplin aussah. 1997 brachte Michael Jackson eine Maxi-Single „Smile“ in kleinster Stückzahl heraus, auf der er an Charlie Caplin erinnert. Abgesehen von dem extremen Sammlerwert, den die Single jetzt hat, erzählt diese Hommage doch etwas über Michael Jackson selbst. Was die beiden verbindet, ist diese enorme Widersprüchlichkeit in ihrem Ausdruck. Sie sind Helden, sie bringen den Menschen Glück und Liebe und es bleibt doch der Eindruck, dass sie selbst auf der Suche bleiben nach dem Glück, der Zufriedenheit, dem Platz in der Gesellschaft. Das legendäre Kostüm von Michael Jackson, der schwarze Anzug, die zu kurzen Hosen und die weißen Strümpfe, so hatte Chaplin als Tramp ausgesehen. Ein armer Landstreicher, der in die Großstadt kommt, um dort das große Glück zu machen. Er scheitert aber an den Mechanismen einer unbarmherzigen und anonymen Welt, deren Gesetzte willkürlich und unverständlich für ihn bleiben. Auch bei Michael Jackson schleicht sich das Gefühl ein, dass er fremd geblieben ist, in dieser Welt der Erwachsenen, deren Regeln er nicht verstand. In seinem Tanz, dem moonwalk, zeigt er uns eine Figur, die vor allem rückwärts läuft, wobei es fast so aussieht, als liefe er vorwärts. Rückwärts und vorwärts, diese beiden gegenläufigen Bewegungen scheinen sein ganzes Leben zu charakterisieren. Vielleicht trauert die ganze Welt um ihn, gerade deswegen, weil er trotz aller Perfektion, trotz Kostüm und Maske sein Herz so vor aller Welt offenbart hat.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Das Bild

Neulich stöberte ich so durch meine alten Bilder, die ich tatsächlich noch als Papierbilder habe, und fand ein Bild von einer sehr guten Freundin, die vor zwei Jahren verstarb. Sie ist viel zu jung gestorben mit 51 Jahren. Auf diesem Bild ist sie so voller Lebensenergie. Es ist ein Urlaubsbild, sie steht auf einem Balkon, raucht, lacht und sieht sehr schön aus. Das Bild strahlt so viel Lebendigkeit aus, als wenn sie gleich aus dem Foto heraustreten würde und in meinem Zimmer steht. Doch nun liegt sie schon seit 2 Jahren auf einem Friedhof in Berlin. Ich denke oft an sie, wie wir gemeinsam im Urlaub waren, aber auch wie wir zusammen geredet, gelacht, geweint und manchmal gestritten haben. Die se Erinnerungen helfen mir. Meine Freundin ist so immer noch ein Teil von meinem Leben. Es ist sehr tröstlich, sie auf diese Weise bei mir zu haben.

Montag, 15. Juni 2009

Verschollen

Wenn ich so darüber nachdenke, dann lag der Beginn meiner Beschäftigung mit Trauer noch ein paar Jahre länger zurück. Meine beste Freundin, sie war gerade 30 geworden, machte sich auf zu einer Segeltour. Sie starteten von Südfrankreich aus und wollten als erste Station die Balearen ansteuern. Wir waren alle neidisch auf dieses Abenteuer. So gingen die Wochen dahin und alle waren gespannt auf die erste Nachricht. Damals gab es noch kein Internet, jedenfalls nicht in der Verbreitung wie heute, also hingen wir am Telefon. Doch die Tage und Wochen vergingen und kein Lebenszeichen kam durch die Leitung. Die Eltern machten sich auf, starteten eine großangelegte Seenotrufaktion, aber die Leitungen blieben stumm. Bis heute, es ist 20 Jahre her, hat man weder das Boot oder Bootsteile noch meine Freundin oder die anderen Segler vom Boot gefunden. Viele Jahre begleitete mich meine Freundin in meinen Träumen, manchmal erschien sie mir auch, wenn ich ganz alleine war und sagte mir, ich solle nicht traurig sein. Dabei war ich lange Zeit mehr wütend auf diese ganz unglaubliche Situation. Wir lebten nicht mehr im letzten Jahrhundert, unsere Welt ist so erklärbar geworden, wir glauben so oft, wir haben die Welt und die Naturgewalten im Griff. Wir können zum Mond fliegen, inzwischen zum Mars und dann verschwindet ein Mensch einfach so. Auch in diesem Fall gab es kein Grab, keinen Abschied, so dass wir mit unserer Trauer nicht aufgehoben waren.

Sonntag, 7. Juni 2009

Wie alles anfing

Ich habe mir einen etwas ungewöhnlichen Beruf ausgewählt, ich begleite Menschen bei ihrem letzten Gang auf dem Friedhof. Eigentlich begleite ich mehr die Angehörigen, denn sie müssen mit all dem Schmerz und der Trauer fertig werden. Eine ungeheure Fassungslosigkeit macht sich breit, das das Unmögliche geschehen ist, und der geliebte Mensch nicht mehr wiederkommen wird.

Meine erste Trauerrede habe ich für einen sehr nahen Verwandten gehalten. Er hatte seinen Körper der Wissenschaft übergeben und das bedeutete, eine Beerdigung war erst nach 2 Jahren möglich. Doch nach dieser langen Zeit ist es kaum noch möglich, sich gefühlvoll zu verabschieden. Zu viele Veränderungen treten ins Leben, auch die Trauer und der Kummer verändern sich. So habe ich damals beschlossen eine Trauerfeier ohne den Verstorbenen zu veranstalten.

Erst viele Jahre später wurde mir wirklich bewusst, wie wichtig es ist, sich verabschieden zu können, eine schöne Feier zu haben und vor allem einen Ort, an dem die eigene Traurigkeit ihren Platz hat. So wurde ich Trauerrednerin.

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