Dienstag, 29. November 2016

Hoffnung in der Trauer

Beerdigung einer afrikanischen Frau – sie und ihre erwachsenen Kinder haben schon länger in Deutschland und England gelebt. Die Kinder haben besondere Wünsche – eine Neffe möchte ein paar Worte sprechen, einige Bilder von ihr sollen gezeigt werden und auch eine Tochter möchte noch etwas sagen. Deren Rede ist immer wieder von lautem Weinen unterbrochen, sie ist fast nicht zu verstehen, ich höre immer nur ‚I am so sorry …‘ Auch am Grab klagt sie weiter, möchte die Asche ihrer Mutter sehen. Als ich mich später verabschiede sagt sie traurig und auch verwundert: „It is over now??“ Und ich antworte ihr: „It is over, she is with God“.
Ob ihr diese Antwort geholfen hat – ich weiß es nicht. Ihr lautes Klagen hat mich verunsichert, dieser offene Ausdruck der Trauer ist mir eher fremd und ich weiß nicht wirklich, wie ich reagieren soll. Und doch – ein bisschen beneide ich sie, dass sie so offen und laut klagen kann, ihrem Schmerz Ausdruck geben kann.
Normalerweise erlebe ich eher eine gedämpfte Trauer, den Wunsch der Angehörigen, ihren Schmerz nicht zu zeigen, am Grab nicht zu weinen. Und ich erlebe es bei mir selbst. Für das Requiem meiner Freundin hatte ich die Fürbitten formuliert, habe sie aber nicht selbst gesprochen, weil ich meine Tränen nicht vor aller Augen zeigen wollte.
Warum sind uns in unserer Kultur Tränen und Trauer so peinlich, dass wir uns dafür entschuldigen, selbst wenn der Tod eines geliebten Menschen uns sehr schmerzt, wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihnen mit dem Tod die Hälfte des Lebens genommen ist, wenn die Aufgabe, den Tod zu begreifen, einen neuen Alltagsrhythmus und so etwas wie eine neue Identität – nicht mehr Ehefrau von ….. oder Sohn von ……. sondern …? – zu finden die eigene Kraft fast übersteigt?
Liegt es daran, dass wir unsere Hilflosigkeit angesichts der Trauer nicht spüren wollen oder können? Durch den Tod eines geliebten Menschen ist ein Loch in das eigene Leben gerissen, sind wir mit Schmerz konfrontiert – einem Schmerz, der keinem von uns erspart bleibt und den wir doch so gut wie möglich zu verdrängen suchen.
Im Brief an die Thessalonicher schreibt Paulus: „Wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen.“ (2 Thess 4,13.14)
Menschen die den Glauben nicht kennen gelernt haben sagen mir, dass es schön ist und hilft, wenn man hoffen und glauben kann, dass die Verstorbenen bei Gott sind und wir – in der Gemeinschaft der Heiligen – hier und nach dem eigenen Tod mit ihnen verbunden sind.
Wenn ich eine Beerdigung halte, vor der mir die Angehörigen gesagt haben, „Der Verstorbene war katholisch, aber wir sind nicht religiös“, spüre ich oft trotzdem, dass die Botschaft von der Auferstehung, von der Vollendung dieses Lebens in Gott so etwas wie Trost spendet. Mir kommt es manchmal so vor, als ob Angehörige sozusagen an meinen Glauben ‚andocken‘, daraus Trost schöpfen, dass ich daran glauben kann – so dass ich mir manchmal wie eine ‚stellvertretend Glaubende‘ vorkomme und mich freue, auf diese Weise ein wenig Trost schenken zu können.
Andrerseits erlebe ich, dass die Hoffnung gegen die Trauer ausgespielt wird. Paulus erwartet nicht, dass Christen nicht trauern – sondern dass die Trauer von der Hoffnung begleitet und verändert wird. Wenn Menschen im hohen Alter oder nach langer Krankheit sterben, sprechen wir oft davon, dass sie jetzt erlöst sind. Und auch bei Trauernden ist oft ein Gefühl der Erleichterung, der Erlösung da – weil das Leiden für diesen geliebten Menschen beendet ist. Das heißt aber nicht, dass damit die eigene Trauer verschwunden ist – und es kann sehr weh tun, wenn wohlmeinende Freunde in ihren Beileidsbezeugungen allein auf die Erlösung und Vollendung des Verstorbenen eingehen. Der Schmerz darüber, dass dieser Mensch im eigenen Leben fehlt, der bleibt und muss durchlebt werden. Und wenn Freunde, die die Hoffnung auf die Auferstehung und die Vollendung bei Gott teilen, bei dem Trauernden bleiben und in dieser Hoffnung auch den Schmerz und die Hilflosigkeit aushalten – statt mit schnellen tröstenden Worten darüber hinweg zu gehen – dann spenden sie wirklichen Trost – aus dem eigenen Glauben und der gemeinsamen Hoffnung heraus.
Auch der Glaube und die Hoffnung der verstorbenen Person kann Hoffnung schenken. Ein kostbares Geschenk für die Hinterbliebenen ist es, wenn Sterbende ihrer eigenen Überzeugung und ihrer Hoffnung auf Gott Ausdruck geben können.
So eine Hoffnung über den Tod hinaus fand ich im Text der folgenden Todesanzeige, die im Mai 2015 erschien:
Herr, du hast gerufen …sieh hier bin ich
Hiermit gebe ich meinen Schritt vom Tod zum bleibenden Leben bekannt.

HANS PIETSCHMANN
Schulpfarrer i.R.
……..
Zu einer österlichen Eucharistiefeier lade ich ein in der Kirche ….

In Zuversicht und Trauer
……..

Diesen Text hat meine Cousine Schwester Monika Uecker (CJ) geschrieben. Sie ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu und arbeitet im Team von St. Michael, Zentrum für Trauerseelsorge, Frankfurt (Bistum Limburg)

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